Michael Wollny solo concert;
Feigenwinter 3 plus Arte Quartet

Piano-Summit20 Uhr | Volkshaus Basel07 September 2021SERIES 202107 SeptemberTICKETS

Michael Wollny solo (piano)

 

Am 20. Juli 1969 verließen Neil Armstrong und Edwin "Buzz" Aldrin das Schiff Columbia, um wenige Stunden später als erste Menschen auf dem Mond zu landen. An Bord zurück blieb Michael Collins, der den darauffolgenden Tag, auf die Rückkehr seiner Kollegen wartend, alleine um den Mond kreiste und bei jeder Umrundung jeweils 46:38 Minuten lang von Blick- und Funkkontakt mit der Erde ausgeschlossen war. In der damaligen Berichterstattung hatte das seine Stilisierung als „vermutlich einsamster Mensch aller Zeiten“ zur Folge; auf diesen Umstand angesprochen, erklärte Collins stets, dass seine Solo-Umkreisung des Mondes trotz seiner Einsamkeit von folgenden Gemütszuständen geprägt war: „awareness, anticipation, satisfaction, confidence, almost exultation.“

Michael Wollny

 

Manchmal schreibt der Zufall die erstaunlichsten Geschichten. Ein gutes Dutzend Alben als Leader und über 15 Jahre als Recording-Artist hat sich Michael Wollny Zeit gelassen, für sein erstes „klassisches“ Piano Solo Album. Zu gross waren seine Neugier und Lust am Zusammenspiel mit anderen musikalischen Partnern, dem gemeinsamen Finden neuer, ungehörter Musik. Piano Solo, ob auf der Bühne oder im Studio – das ist in der Regel eine einsame Angelegenheit. Doch Anfang 2020 schien die Zeit reif für den Blick nach innen, das Forschen in Wollnys grenzenlosem, über die Jahre immer weiter gewachsenen Fundus aus Musik, Geschichten, Gedanken, Stimmungen, Bildern und Begegnungen. Und dann fällt der zumindest äusserlich einsame Akt der Soloaufnahme im April 2020 mitten in den weltweiten Lockdown. Eine Zeit des Rückzugs nach innen, in der die Welt plötzlich klein und leise wird, von einem Moment auf den anderen ihr Tempo verliert, in dem ihre Reizflut plötzlich abreisst und in der sich die Menschen auf sich selbst besinnen.

 

«Es war eine surreale Situation.», erinnert sich Wollny. «Zwei Tage verbrachte ich, zum ersten Mal seit langem alleine und ohne Mitmusiker, im grossen Aufnahmeraum des Berliner Teldex Studios. Auf dem Weg zu den Aufnahmen sass ich alleine im Auto, fuhr durch eine leere Stadt, am Abend lief ich zurück in mein menschenleeres Hotel, es gab nicht nur keine weiteren Gäste, sondern auch kein Personal. Ich war absolut allein mit mir und der Musik, und die Ideen, die sich aus dieser Situation ergaben, gingen weit über den ursprünglich gesetzten Rahmen des Albums hinaus. Das Alleinsein brachte mich dazu, über radikale Solisten nachzudenken, und so kam mir die Geschichte des Astronauten Michael Collins in den Sinn, der während der Apollo 11 Mission alleine den Mond umkreiste, und dabei immer wieder jeden Kontakt zur Erde verlor.»

 

46 Minuten und 38 Sekunden – so lange dauerte Collins‘ Blackout im All – genauso lange wie Wollnys Album «Mondenkind». 

Feigenwinter 3

Hans Feigenwinter (Klavier, Komposition)

Arno Troxler (Schlagzeug)

Wolfgang Zwieauer (E-Bass)

ARTE Quartett (SaxophoneI

Welturaufführung im Rahmen der Festivitäten «Carl Spitteler: 100 Jahre Literaturnobelpreis 1919–2019»

 

Nach dem erfolgreichen Projekt «Gang», welches 1998 zur Uraufführung kam und auf einer CD dokumentiert wurde, wird zwei Jahrzente später der Faden wieder aufgenommen und weitergesponnen. Zwei Ensembles treffen sich. Unter neuen Vorzeichen. Nach zahlreichen Kompositionen für das ARTE Quartett und zwei Alben von FEIGENWINTER 3, bilden die Mitglieder dieser zwei Ensembles erstmals ein gemeinsames, für eine zu gleichen Teilen von Improvisation und Komposition bestimmten Musik, die Bezug nimmt zur Romatik Carl Spittelers, dem einzigen Schweizer Schriftsteller, der den Nobelpreis für Literatur erhielt.

 

”Meine Kompositionen zu «An- und Einsichten Carl Spittelers» sind eine Sammlung von neun Stücken, die so auch in ihrer Aufeinanderfolge gedacht sind. Es ist Musik für ein instrumentales Septett, Musik, die Komponiertes und Improvisiertes gleichermassen integriert. Jazzmusik, ohne Programm, ohne Worte. Vergegenwärtige ich mir diesen Zyklus, komponiert anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Nobelpreises für Spitteler, so taucht eine gleichzeitig sehr einfache und heikle Frage auf: wie kann absolute Musik Bezug nehmen zum geschriebenen Wort? Kann sie es überhaupt? Wort und Musik können parallel nebeneinander laufen. Diese Parallelität kann sicher sehr inspirierend sein. Die Ambition einer direkten Vertonung eines Textes als reine Musik hat jedoch schnell einmal etwas Anmassendes; es ist eine Falle, in die ich nicht hineintappen wollte bei meiner Kompositionsarbeit.

Gerade jedoch über diesen Konflikt konnte ich in Spittelers «Extramundana», im Mythus (VII), einen Kommentar des Dichters lesen, der diesen Konflikt gleichzeitig erwähnt und sich darüber lustig macht, in dem er sich über das Problematische des Multimedialen an sich auslässt: Spitteler mokiert sich dort über die «Schlucker-Pfuscher», die ein Schauspiel erfinden, das für alle Sinne funktionieren soll, oder wie er es ausdrückt, «mit allen möglichen Organen» genossen werden kann. Solche Kunst bestehe bestenfalls aus ein paar «schlauen Pfiffen», sei ein «Gedankenquetschen», dass dann nur wenige «Geisteströpflein» zu Vorschein bringe.
Und hier sind wir schon mittendrin in Spittelers grandiosen Wortschöpfungen. Wortschöpfungen, die, wenn man sie heute googelt, entweder keine Treffer bringen, oder aber eben gleich auf Spitteler selbst verweisen: einen besseren Nachweis für Einzigartigkeit kann es kaum geben. Nebst Spöttischem wie dem «Schlucker- Pfuscher» oder auch der «heimatlichen Pfuscherbreite» finden sich auch das «Waagewiegen», der «Himmelsschulsaal», oder die «Fortschrittsschuhe». Spitteler macht auch bei sich selbst keinen Halt, als er für sich das Pseudonym «Carl Felix Tandem» erfindet. Diese Wortschöpfungen lassen sich bestens aus dem Zusammenhang herauslösen, und erhalten als Fragmente so ein ganz neues Leben, entfalten eine Mehrdeutigkeit und Kryptik, die jener der Musik sehr ähnlich ist.

Ein ganz anderer Aspekt in dieser Parallelität zwischen Wort und Musik ist Spittelers Biografie: sie ist voller Konflikte und (nur vermeintlicher?) Widersprüche: er begann Jura zu studieren, als ihm schon klar war, dass sein Interesse der Literatur galt. Als Atheist studierte er später Theologie, als Individuum litt er stärker als andere unter der «Masse». Sein Begriff der Liebe steht im zerreissenden Konflikt zwischen Vorstellung und Realität, und bezeichnenderweise entschied er sich dann lange für die Liebe der blossen Vorstellung. Eskapistisch ist womöglich auch sein Eintauchen in die antike Mythologie; in seiner Lyrik dieser sehr verpflichtet, tauchte er daraus plötzlich auf und äusserte sich kritisch zum politischen Zeitgeschehen.
Solche Konflikte können einesteils inspirierend sein für das Komponieren; sie sind bisweilen auch entlastend. Mehr als in früheren Zyklen integriere ich in dieser Sammlung zum Teil sehr disparates Material, teils sogar im gleichen Stück; können sie alle auf so engem Raum bestehen? Ein Blick auf die parallel dazu verlaufende Spitteler-Strasse ermutigt mich.

Wie wahrscheinlich für die meisten meiner Generation bis vor einem Jahre weder vertraut mit der Person Spitteler noch mit seinem Werk, beeindruckt er mich als einer, der zahlreiche Konflikte durchlebt hat, dabei nicht der Illusion erlegen ist, sie lösen zu können, sondern sie vielmehr ausgehalten hat.
Besonders beeindruckt bin ich aber davon, dass er als Figur der Versöhnung auftritt in einer nationalistischen und kriegslüsterneren Zeit.
Und dann lasse ich mich von seinem «Zauberbleistift» in eine Welt des «Pupurflammenspiels» entführen, und sinniere darüber, was wohl «doppelsauer» alles bedeuten könnte.”
Hans Feigenwinter September 2019